Angeregt von dem Projekt „MärchenKinder“, das die Regensburger FreiwilligenAgentur seit einigen Jahren durchführt und dafür auch den Innovationspreis der bagfa e. V. (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e. V.) erhielt, hat die Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkof e.V. in Zusammenarbeit mit den Vereinen Hadara e.V. und DOIZ e.V. (Deutsch-Osteuropäisches Integrationszentrum e. V.) am Richtsberg für die zweisprachig aufwachsenden Kindern aus Migrantenfamilien ebenfalls ein Vorlese-Projekt aufgebaut, das seit März 2008 durchgeführt wird. Das Projekt wurde von dem Projekt „dieGesellschafter.de“ der Aktion Mensch für einen Zeitraum von einem Jahr finanziert.
Die Freiwilligenkoordinatorin Karin Kirchhain, die nebenberuflich Märchenerzählerin ist, hält mit Hilfe dieser Förderung einmal in der Woche eine Lesestunde mit jeweils 6-10 Kindern aus der 3. und 4. Klasse ab. Es werden Texte ausprobiert und geübt, Bücher ausgesucht, Fragen zu unbekannten Wörtern besprochen und kleine Spiele gespielt, z.B. Stadt-Land-Fluss.

Mit den ausgesuchten kleinen Märchen und Geschichten gehen 3-4 Kinder jede Woche mit Frau Kirchhain in den nahen Kindergarten und lesen dort den „Kleinen“ vor, die meist sehr neugierig sind, was die „Großen“ ihnen Neues mitgebracht haben.
Diese Vorbildfunktion der „Märchenkinder“ hat den Effekt, dass sowohl die Kleinen erleben, wie schön und bereichernd das Lesen lernen ist und dass es ihnen auch bald möglich ist, die Großen hingegen üben, auf Deutsch laut und deutlich vor einem sehr freundlichen Publikum zu sprechen, was ihnen mehr Selbstvertrauen gibt und ihren Ehrgeiz weckt, sich durch die Texte zu „arbeiten“.

Die Jungen wetteifern gerne darum, wer am besten liest und zeigen Durchhaltevermögen, die Mädchen haben viel Freude am Vermitteln der Geschichten und überwinden das Lampenfieber.
Durch die inzwischen vorhandene kleine Kinderbuchbibliothek haben die Kinder eine ausreichende Auswahl sowohl an Kindergartenliteratur als auch an Kinderbüchern, die sie selber gerne lesen und sich ausleihen können. Die Neugier auf Bücher wird dadurch immer wieder angeregt und gefördert.
Alle Vorlese-Kinder sind motiviert, konzentriert bei der Sache und haben Spaß an ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit. Sie lernen miteinander und voneinander und üben ihr Sozialverhalten und ihre Sprachkompetenz.
Durch den intensiven Kontakt entstanden noch weitere Aktivitäten:
Da alle Kinder in die Astrid-Lindgren-Schule am Richtsberg gehen, wo der Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund sehr hoch ist, initiierte Frau Kirchhain in Zusammenarbeit mit der Referendarin Frau Laura Zwick den Kontakt mit der Blindenstudienanstalt Marburg.
Blinde junge Leute kamen zum Lesetag im Herbst 2008 zu den Grundschülern zu Besuch.
Sie berichteten von ihrem Lernalltag, beantworteten viele Fragen und zeigten, wie man die Blindenschrift mit den Fingern liest.
Darüber hinaus wird gerade von den blinden Jugendlichen der Grundstock zu einer kleinen Schul-Hörbücherei durch von ihnen aufgelesene Kinderbücher gelegt, was z.Zt. von Frau Zwick betreut und umfangreich bearbeitet wird.
So sollen die Schüler und ihre jüngeren Geschwister, die zu Hause ihre Muttersprache sprechen, auch zu Hause die Möglichkeit haben, die deutsche Sprache über das Gehör zu erfassen und mit kindgerechter Literatur in Kontakt zu kommen, auch wenn sie noch nicht selbst lesen können und ihnen keine deutschsprachigen Bücher vorgelesen werden können.
Im Kontakt mit der Erzählerschule Burgwald e.V. werden vom Hadara e.V. regelmäßig „Geschichtenabende“ im Café Anis am Richtsberg abgehalten, wo ein reger Austausch von Märchen und Geschichten aus aller Welt stattfindet.
Ganze Familien kommen zusammen und nehmen an dieser anregenden, mal lustigen, tiefsinnigen oder spannenden Form des „Kulturaustauschs“ statt.
Oft lesen einige Kinder auch eine kleine Geschichte vor oder üben sich ebenfalls im „freien Erzählen“.
Zur Belohnung für die „Märchenkinder“ gab es im Herbst 2008 einen ganzen Nachmittag lang die Möglichkeit, gemeinsam mit ihren Familien sich einmal die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte anzusehen.

Am 08.02 2009 fand das erste öffentliche Vorlesen der „Märchenkinder“ vor Publikum und mit Aufnahme durch den örtliche Rundfunksender RUM im Café Anis am Richtsberg statt.
Am 28.02.2009 lud Marcello Camerin, ein ehrenamtlich aktiver Geschäftsmann, die „Märchenkinder“ zu einem Eisessen in seine Geschäftsräume ein. Er hatte von ihrer ehrenamtlichen Arbeit gehört und wollte ihnen eine kleine Freude bereiten.
Zuerst zeigte er den Kindern, wie man das Eis herstellt und erklärte, worauf es ankommt beim Zusammenstellen eines Eisbechers. Sein anlässlich des Jahres der Literatur neu kreiertes „Brüder-Grimm-Eis“ und die neuen „Märchenbecher“ wurden ihnen zur „Generalprobe“ vorgestellt und von allen kritisch gekostet. .....



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